Gesund

Ist Eisbaden gesund?

Wenn die Temperaturen sich dem Gefrierpunkt nähern, steigen Winterschwimmer ins Wasser: Eiswasser soll das Kreislaufsystem stärken, Fett verbrennen und uns mit Glückshormonen fluten. Wenn die Vorbereitung stimmt!

Text: Karen Cop

Warum Sie diesen Artikel lesen sollten:

Immer öfter sind sie auf Insta und Co. zu sehen: Menschen, die glücklich lächelnd in eiskaltes Wasser steigen. Sind die verrückt oder tut Winterbaden wirklich gut? Hintergrundwissen zum Trend.

Wenn das Thermometer langsam sinkt, sind sie immer öfter zu sehen: Menschen, die wie im Sommer durch Flüsse, Seen und Naturfreibäder kraulen. Sie wollen dabei sein, wenn sich Eiskristalle auf der umliegenden Flora bilden und die Stunde der Hartgesottenen schlägt. Damit sind weniger Insta-Influencer gemeint, die mit oversized Wollmütze und Selfiestab ein, zwei Minuten lächelnd im Eiswasser stehen. Die sportlich coolen Wasserratten tauchen ein ins eisige Bad, schwimmen los, einige nur kurz, andere ziehen genüsslich lange Bahnen. Manche bilden Teams, nennen sich „Eiszapfen“, „Seehunde“ oder „Keep Frozen“. Wenige sind Extremsportler wie Paul Bieber, 38, deutscher Rekordhalter im Eisschwimmen mit 1.694 Metern in 36,03 Minuten bei 4,2 Grad. Denn erst, wenn das Thermometer unter 5 Grad fällt, wird von echtem Eisbaden gesprochen. Doch ob nun nur einer ins Eisloch steigt wie die Nordeuropäer traditionell um Neujahr oder Vorbildern folgt wie „Iceman“ Wim Hof, so viel ist klar: Eisbaden ist Trend und findet immer mehr Anhänger, die mit eiskalten Kälteschocks das Immunsystem trainieren und den Kopf von Zivilisationsstress freifegen wollen. Aber ist Eisbaden wirklich gesund oder im Gegenteil sogar gefährlich?

Training für Gefäße und Kreislaufsystem

Schon Goethe soll ein Loch ins Eis der Ilm gehackt haben, um bei Eiseskälte ins Wasser zu steigen – zur Abhärtung, aus gesundheitlichen Gründen also. Sebastian Kneipp zeigte, dass Kältereize nicht kränker, sondern gesünder machen können, und die natürliche Widerstandskraft wächst: Er schwamm trotz eines Lungenleidens bei jedem Wetter in der Donau, überwand die Krankheit und baute seine Erfahrungen zur weltberühmten, ganzheitlichen Lehre aus. „Lernt das Wasser richtig kennen und es wird euch stets ein verlässlicher Freund sein“, predigte Pfarrer Kneipp. Als Hydrotherapeut empfahl er beispielsweise, beim „Wassertreten“ wie ein Storch mit hochziehenden Knien durch eiskaltes Wasser zu schreiten und barfuß durch Tau oder Schnee zu gehen.

Tatsächlich haben mehrere Studien bewiesen, dass sich bei plötzlicher Kälte die Gefäße in den eintauchenden Beinen verengen und das Blut ins Innere drängen, den Körperkern. Kommen die Eisbadenden aus der Kälte wieder ins Warme, weiten sich alle Gefäße und das Blut läuft beim sogenannten Afterdrop wieder zurück. Diese Durchblutung ist ein sehr effektives Training für das Herz-Kreislauf-System und die Gefäße – vorausgesetzt, das Herz ist gesund! Das sollte vorab ein Arzt untersuchen, um Gefahren wie einen Herzstillstand durch Kälteschock so weit wie möglich auszuschließen. In jedem Fall muss ein Training im Eiswasser gut vorbereitet werden. Der Körper und mit ihm Herz, Kreislauf und Gefäße müssen sich langsam an Kältereize gewöhnen. Niemals beherzt in eiskaltes Wasser springen, das ist lebensgefährlich!

Achtung, nicht gleich ins eiskalte Wasser tauchen! Der Körper muss sich langsam an die Kälte gewöhnen.

Gut vorbereiten gegen Kälteschock und Herzstillstand

Untrainierte Liebhaber des coolen Trendsports schwimmen möglichst täglich vom Sommer an bis in den Herbst hinein und starten ein gemütliches Durchblutungstraining in der heimischen Dusche mit Wechselduschen nach Kneipp. Der Kneipp-Bund e.V., Bundesdachverband für Gesundheitsförderung und Prävention mit 1.200 Kneipp-Vereinen, empfiehlt zum Auftakt eine kräftige Dusche, „warm bis heiß, bis Sie sich richtig schön wohlig-warm fühlen“. Dann den Wasserstrahl sanfter und kühl bis lauwarm einstellen und die Beine und Arme wie folgt abduschen: „Rechtes Bein außen von Fuß bis Hüfte, zurück innen von Oberschenkel bis Fuß. Linkes Bein ebenso. Rechter Arm (außen von Handrücken bis Schulter und zurück von der Achselhöhle bis Hand innen), linker Arm. Brust, Bauch, Nacken, Gesicht. Zweimal wiederholen (also kalt aufhören). Wasser abstreifen, leicht abtrocknen, und jetzt am besten zur Wiedererwärmung für eine halbe Stunde ins Bett oder leicht bewegen.“ Wer Winterschwimmer werden möchte, kurbelt so täglich den Kreislauf an, vergrößert die Temperaturunterschiede und legt ein bis drei wöchentliche Saunagänge ein mit anschließender eiskalter Dusche als Vorbereitung auf das Eisbaden.

Eisbaden und die Atmung à la Wim Hof

Manche Profisportler schwören zwecks Abhärtung und Leistungssteigerung auch auf Kryotherapie in einer Kältekammer von 100 bis 200 Grad minus. Precooling mit Kältewesten wurde zum ersten Mal bei den Olympischen Sommerspielen 1996 in Atlanta eingesetzt. Eine Auswertung der Universität des Saarlands ergab: „Diese Maßnahme wirkt tatsächlich leistungssteigernd, allerdings nur bei hohen Außentemperaturen und bei Ausdauerbelastungen, die zwischen 15 Minuten und einer Stunde dauern“, erklärt Oliver Faude. Ideal für Ruderwettbewerbe im Sommer! Kein Wunder, dass die Fans eher rar sind! Kein Vergleich mit dem Millionenpublikum von Wim Hof, dessen Lebensgeschichte mit Joseph Fiennes in der Rolle des Extremathleten verfilmt wurde und dieses Jahr ins Kino kam. Wim Hof begann 1995 nach dem Selbstmord seiner Frau, mit der Kälte zu experimentieren, um seinen Schmerz über ihren Verlust zu überwinden: Der Niederländer schwamm durch einen halb zugefrorenen See, lief in Shorts durchs Hochgebirge und entwickelte schließlich die Wim-Hof-Methode: Eisbäder – erst mal zu Hause in der Badewanne – in Kombination mit einer speziellen Atemtechnik, die an Hyperventilation und Kapalabhati, das Feueratmen aus dem Yoga, erinnert. Dabei wird sehr schnell und fest ein- und ausgeatmet, während die Schulterblätter sich zusammenziehen. Dr. Josephine Worseck, Molekularbiologin, Trainerin der Wim-Hof-Methode, beschreibt Wim Hofs Methode so: „Sie besteht aus Atmen, Mindset und Kälte. Diese Methode ermöglicht es Menschen wie dir und mir, so ein bisschen an unsere Grenzen ranzukommen, also nicht die körperlichen Grenzen zu überschreiten, aber einfach die Grenzen zu überschreiten, die in unserem Kopf sind.“

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Hier erklärt Wim Hof persönlich seine Atemtechnik für Anfänger:

Das Glück: Endorphine bei Eisbad und Avantouinti

Tatsächlich steigen die meisten Winterschwimmer mit einem glücklichen Lächeln aus dem Eisbad. Beim Kontakt mit der Kälte schüttet der menschliche Organismus jede Menge körpereigene Botenstoffe aus: neben dem Stresshormon Adrenalin auch Endorphine, besser bekannt als Glückshormone. Die Euphorie nach dem Eisbaden ist also auch, aber nicht nur der Überwindung der inneren Warmduschergrenze geschuldet. Kein Wunder, dass Finnen auf Avantouinti schwören, dem Baden in Eislöchern – laut Weltglücksbericht gelten sie 2022 das fünfte Mal in Folge als das glücklichste Volk der Welt. Auch Kortikoide gehören zum gesunden Hormoncocktail, den unser Organismus bei Kälte mixt. Sie wirken entzündungshemmend, auch bei chronischen Krankheiten, wie diese Studie neben einigen anderen Vorteilen und Gefahren des Winterschwimmens zeigt.

Ach ja, und die Fettverbrennung fördern soll Winterschwimmen laut einer Studie des National Institute of Health in den USA auch noch. Offenbar nicht nur deshalb, weil der Körper für die intensive Regulierung der Körpertemperatur eine Menge Kalorien verbrennt. Eisbaden scheint die Bildung der raren, guten braunen Fettzellen anzuregen, die Energie direkt in Wärme umsetzen können und unseren Energieumsatz insgesamt erhöhen, statt die kulinarischen Sünden als Fettpolster am Körper zu lagern.

Auch in der Badewanne ist es möglich, das Immunsystem mit Kältereizen zu trainieren.

Vor dem Eisbaden: Tipps gegen Unterkühlung

Zum Schluss noch ein paar praktische Tipps, bevor auch Sie ins Eiswasser steigen:

1. Nie allein zum Eisbaden gehen.
2. Warm anziehen. Mit Mütze und Schal 15 bis 20 Minuten lang warmlaufen. Beim Ausziehen die Sachen gleich griffbereit an die Ausstiegsstelle legen.
3. Langsam ins Wasser gehen. Die Hände nach oben halten. Auf keinen Fall Gesicht und Kopf untertauchen. Wer nur baden und nicht schwimmen will, kann auch Mütze und Handschuhe anbehalten, denn Kopf und Hände kühlen am schnellsten aus.
4. Beim ersten Eisbad nur wenige Sekunden im Eiswasser bleiben!
5. Nach dem Bad sofort warm einpacken, bevor das große Zittern und Zähneklappern kommt.
6. Dem Körper in Ruhe Zeit für die aufwärmende Durchblutung lassen – nicht gleich loslaufen, das stresst Herz und Kreislauf!

„Eiswasser ist Trend und findet immer mehr Anhänger, die mit eiskalten Kälteschocks das Immunsystem trainieren und den Kopf von Zivilisationsstress freifegen wollen.“

Zur Autorin: Karen Cop hat einen Lieblingssee, in den sie auch Ende Februar ging – rein und schnell wieder raus. Danach war ihr so wohlig warm, dass sie eine Winterschwimmerin bewundern konnte, deren Haut wie die eines Delfins aussah: fest, glatt und glänzend schön.

Stand: Dezember 2022

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