Einfach tagträumen
Schweifen Sie öfter mal ab und lassen Sie Ihre Gedanken in Traumwelten flanieren – Tagträumen ist nämlich viel besser als sein Ruf!
Text: Barbara Lang
Der Cursor meines Rechners blinkt auf einem leeren Textdokument am Anfang der ersten Zeile. Doch ich sehe ihn nicht. Mein Blick ist aus dem Fenster gerichtet: Ich schaue den Meisen dabei zu, wie sie im Apfelbaum von Ast zu Ast hüpfen und launig zwitschern. Ich lächele vertieft und bemerke erst spät, dass ich unbewusst abgeschweift war:
„Fang endlich mit deinem Text übers Tagträumen an“, ermahne ich mich innerlich. Schwupps – schon ist die Idee für den Texteinstieg gefunden. Wie gut, dass ich meinem Blick und meinen Gedanken öfter mal erlaube, spazieren zu gehen!
Kreative träumen auch zur Wachzeit
Tagträumen hat zu Unrecht einen schlechten Ruf. Es wird gleichgesetzt mit Unkonzentriertheit, Desinteresse, Gedankenlosigkeit – alles eher nicht erwünscht in einer leistungsorientierten Gesellschaft. Insbesondere Letzteres stimmt jedoch nicht wirklich: Unser Gehirn kann gar nicht nicht denken – wir jedoch sollten uns diesen „Luxus“ ruhig öfter gönnen und einfach tagträumen. Denn das Abschweifen in Traumwelten kann viele positive Effekte haben und weist sogar auf mehr Intelligenz und Kreativität hin: Das Gehirn von Tagträumern scheint besonders effizient zu sein und mehr freie Kapazitäten zu haben.
„Entspanne dich. Lass das Steuer los. Trudle durch die Welt. Sie ist so schön.“
Kurt Tucholsky
Ob unbewusst, wie bei mir gerade eben, oder in einer bewussten Träumerei, zum Beispiel vom heiß ersehnten eigenen Café – Tagträume können uns bei Problemlösungen helfen, unsere Kreativität steigern und auch unsere Empathie. Denn während unsere Gedanken in der Wachzeit unkontrolliert auf Wanderschaft gehen, aktivieren sie in unserem vermeintlich unbeschäftigten Gehirn das sogenannte default mode network. Diesem Ruhemodusnetzwerk gehören vier spezielle Hirnareale des Kortexbereichs an, die auch „anspringen“, wenn wir kreativ und fantasievoll tätig sind oder uns in andere hineinfühlen.
Einfach tagträumen und Probleme lösen
Und was ist mit der Problemlösung? Die versteckt sich in verschiedenen Arten von Tagträumen. Eine Art Rollenspiel passiert in Tagträumen, in denen wir uns Zukünftiges ausmalen: ein Vorstellungsgespräch, die Begegnung mit dem Ex, die Umsetzung eines bestimmten Ziels. Diese gedankliche, bildhafte Simulation solcher Szenarien kann uns motivieren, fokussieren, mögliche Stolpersteine aufzeigen und uns so fit machen für die bevorstehende reale Situation. Psychologen wissen, dass uns dieses „Probehandeln“ und Visualisieren Dinge zielgerichteter und somit erfolgreicher umsetzen lässt.
Träumereien an der Grenze
Andere Tagträume lassen uns in emotionale Szenarien abschweifen, die wir meist unbewusst durchspielen – Erlebnisse, die uns wütend, enttäuscht, ängstlich oder voll Scham zurückgelassen haben. Losgelöst von der Realität ist es möglich, sie in diesem tagträumenden Bewusstseinszustand neu durchzuspielen, zu bearbeiten, anders zu bewerten und somit Abstand zu gewinnen.
Wer hingegen in die Grübelfalle gerät und aus einem negativen Gedankenkarussell nicht mehr herauskommt, hat die Grenze des assoziativen Tagträumens überschritten. Dann kann ärztlicher Rat helfen. Gleiches gilt für das sogenannte maladaptive Tagträumen, bei dem Betroffene stundenlang in ihren Traumwelten verharren und im realen Leben immer weniger leisten können.
Tagträume bewusst nutzen
Einfaches Tagträumen kann oft eine Lösung für ganz konkrete Problemstellungen sein. Wer mit einer bestimmten Herausforderung nicht mehr weiterkommt, dem hilft es oft, seine Gedanken frei schweifen und assoziieren zu lassen, statt konzentriert und aktiv nachzudenken. „Pause“ heißt das Zauberwort! Gehen Sie joggen, schauen Sie einfach aus dem Fenster, stellen Sie sich unter die Dusche oder legen Sie die Wäsche zusammen. Bei Tätigkeiten, die uns keine große Hirnleistung abverlangen, stellt sich das Tagträumen einfach von selbst ein. Häufig gefolgt von einem Geistesblitz – der bereits unzählige Genies beim angeblichen Nichtstun ereilt hat!
„Nichtstun ist besser, als mit viel Mühe nichts schaffen.“
Laotse
Einfach mal nichts tun, sich langweilen, eine mentale Auszeit nehmen – vielen von uns fällt das mittlerweile schwer. Uns wurde beigebracht, dass dies verschwendete Zeit sei. Doch gerade in unserer durchgetakteten, optimierten Zeit, in der ein Minimonitor in unserer Tasche allzeit für Beschäftigung sorgt, ist der Müßiggang ein wertvoller Rückzugsort. Hier können sich Körper und Geist erholen. Denn wenn ununterbrochen Reize von außen auf uns wirken, ist zum Abschweifen in unsere inneren Bilder, Filme und Themen kein Platz. Und das macht uns irgendwann krank.
Freie Assoziation statt Stress
Reizunabhängiges Denken (stimulus independent thought) nennt man Tagträume deshalb auch in der Fachsprache – und gibt ihnen in der noch jungen wissenschaftlichen Erforschung hauptsächlich gute Noten. Manch einer empfiehlt, anhand eines Tagtraum-Tagebuchs mehr über sich selbst herauszufinden. Aber dann ist das ziellose Abschweifen ja wieder mit Leistung und Optimierung verbunden – lassen wir unseren Gedanken doch diesen Freiraum!
Video
Was passiert beim Tagträumen eigentlich in unseren Kopf. Dieser Frage geht das folgende Video auf den Grund:
Zur Autorin: Barbara Lang ist Journalistin und Werbetexterin. Wenn ihr mal so gar keine Idee am Rechner kommen mag, dann hilft am besten Geschirrspülen oder ein Nickerchen.
Stand: August 2021
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