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Familie

Parentifizierung: wenn Kinder zu Eltern werden

Nicht alle Eltern können sich richtig um die Familie kümmern. Übernehmen Kinder Aufgaben und Verantwortung, kann die Rollenumkehr sehr belastend sein.

Warum Sie diesen Artikel lesen sollten:

Destruktive Parentifizierung überfordert Kinder und prägt sie bis ins Erwachsenenalter. Doch es gibt Wege, um sich helfen und alte Wunden heilen zu lassen. 

Inhaltsverzeichnis

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Als die Eltern sich trennten, war Hanne Mayer acht, die Schwester sechs Jahre alt. Von da an war ihre Mutter alleinerziehend, arbeitete in Frühdienst oder Nachtwache als Altenpflegerin und forderte von den Töchtern mehr und mehr Mithilfe im Haushalt. „Sie war eine Respektsperson, die viel Wert auf Ordnung legte und hohe Erwartungen hatte. Wir haben uns angepasst und funktioniert“, erinnert sich die heute 59-jährige Münchnerin. „Nach außen hin schien unser Dreierteam perfekt, war aber auf Sand gebaut.“ Denn zu den vielen Pflichten addierten sich im Lauf der Zeit gravierende Krisen der Mutter während depressiver Phasen: Immer wieder entglitt ihr der Alltag, vergaß sie Essen und Körperpflege. „Ich habe versucht, das aufzuhalten, im Teenageralter mit Ärzten, Therapeuten und Kliniken meiner Mutter gesprochen, sie stark unterstützt“, so Hanne Mayer. Liebe oder Dankbarkeit habe sie dafür nicht bekommen, stattdessen gab es oft Streit. Erträglicher wurde die Beziehung mit räumlicher Distanz und weniger Kontakt; zeitweise brach er ganz ab.

Rollenumkehr zwischen Elternteilen und Kindern

Eine solche Erfahrung und Prägung wird als Parentifizierung bezeichnet und bedeutet eine Rollenumkehr zwischen Elternteilen und Kindern. Letztere übernehmen erwachsene Aufgaben und Verantwortung, wenn Mutter oder Vater dazu aufgrund einer schweren psychischen, somatischen oder Suchterkrankung oder wegen sozialer oder ökonomischer Probleme dazu nicht in der Lage sind. Das geschieht entweder als instrumentelle Parentifizierung, die vom Aufräumen, Einkaufen und Kochen bis zu umfangreichen Pflegetätigkeiten reicht, oder in Form emotionaler Parentifizierung, bei der Kinder versuchen, psychisch belastete Elternteile zu stabilisieren oder zum Beispiel nach einer Trennung zum Tröster oder gar Partnerersatz werden können. „Eltern machen das nicht absichtlich, sondern so etwas entsteht meist aus einer Notlage heraus, die viele Gründe hat“, erklärt Prof. Dr. Kirsten von Sydow, die dieses Phänomen aus ihrer Arbeit als Psychologin und Psychotherapeutin, Forschung, Aus- und Weiterbildung sowie als „Kriegsenkelin“, also als Kind von belasteten „Kriegskindern“, kennt. 

Je jünger Kinder sind, desto belastender kann die Übernahme von Verantwortung und Aufgaben für sie sein.

Ursachen der Parentifizierung

„Parentifizierung muss nicht schlimm sein“, bilanziert die Expertin. „Solange ein Kind noch Zeit zum Kindsein hat und sein Einsatz wertgeschätzt wird, kann das Übernehmen von Aufgaben oder Verantwortung durchaus Kompetenzen, Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein stärken.“ Doch fehlt Kindern der Freiraum für eigene Bedürfnisse, sind ihre Pflichten zu umfangreich oder nicht altersgemäß – etwa wenn Grundschüler für Eltern mit schlechten Deutschkenntnissen als Übersetzer bei Behörden oder Ärzten fungieren müssen –, kann das zu dauerhafter Überforderung und Erschöpfung  führen. Die Forschung belegt laut Kirsten von Sydow, dass emotionale Parentifizierung besonders belastend wirken kann. Charakteristisch für sie ist, dass Kinder sich dafür verantwortlich fühlen, Mutter oder Vater zu trösten, auf sie aufzupassen, als Vertraute oder als Friedensstifter zwischen zerstrittenen Elternteilen zu agieren – kurzum die familiäre Situation stabilisieren wollen, was die Fähigkeiten und Kräfte eines Kindes übersteigt.

Folgen von Parentifizierung für Kinder und Erwachsene

Aufgrund der Rollenverschiebung entwickeln parentifizierte Kinder laut Kirsten von Sydow häufig eine hohe Sensibilität, unablässige Wachsamkeit und Fürsorglichkeit für andere; viele von ihnen ergreifen später helfende und soziale Berufe. Gleichzeitig haben Betroffene bis ins Erwachsenenalter oft „Probleme, die eigenen Gefühle und Wünsche wahrzunehmen und sich angemessen um sich selbst zu kümmern.“ In extremen Fällen führe das zum Selbstverlust, also dazu, dass Betroffene eigene Bedürfnisse gar nicht erkennen. Eine weitere Folge kann große Wut sein – auf die erdrückende Bedürftigkeit von Müttern und Vätern und die daraus resultierende belastende Situation, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint. Oftmals wird dieser Zorn weder ausgelebt noch ausgesprochen, um Eltern nicht zusätzlich zu belasten oder Konflikte zu vermeiden. Dann kann er sich aufstauen und viele Jahrzehnte später erneut aufflammen, wenn Mutter oder Vater pflegebedürftig werden und wieder auf die Hilfe oder Fürsorge durch ihre Kinder angewiesen sind.

Sich ausnahmsweise um Papa zu kümmern, ist kein Problem. Auf Dauer führt das aber zu Überforderung.

Unterstützungsangebote und Familientherapie als Wege zur Heilung

Es gibt aber „viele Wege zur Heilung“, so Kirsten von Sydow. Auf Elternebene sei das Ehrlichkeit statt Scham und Schuldgefühlen: „Eltern dürfen auch Schwäche zeigen und können Kindern erklären, warum und wie sie Unterstützung brauchen.“ Bei umfassendem Bedarf oder längerer Dauer sollten sich Eltern jedoch externe Hilfe suchen bei Psychotherapeuten, Ärzten und Ärztinnen, Beratungsstellen, Jugendämtern oder Selbsthilfegruppen, von denen es hierzulande mindestens 70.000 zu unterschiedlichsten Themen gibt. Überforderte Kinder können sich an Schulpsychologen, Kinder- und Jugendpsychotherapeutinnen, Beratungsstellen oder die „Nummer gegen Kummer“ wenden. Sind sie durch eine destruktive Parentifizierung stark belastet, kann sich das bis ins Erwachsenenalter auswirken und zu Depressionen oder Burn-out führen. Dann rät Kirsten von Sydow zu einer Psychotherapie, zu einer besonderen systemischen Therapie oder anderen Angeboten, die Familienmitglieder oder Partner einbeziehen. Das hilft, die Situation zu analysieren, Grenzen zu setzen, das Helfermuster in Beziehungen zu durchbrechen, sich selbst mehr Gutes zu tun. Auch Hanne Mayer konnte so ihre „harte Kindheit“ durchleuchten und viel dazulernen. Bis heute tut sie sich allerdings mit Abgrenzung schwer und neigt dazu, Dinge für andere zu übernehmen. Ihr Fazit: „Ich bin immer noch dabei, meinen Weg zu finden.“

Lektüretipps

Bücher, Internetseiten, Anlaufstellen und Podcasts, um Parentifizierung besser zu verstehen und je nach Bedarf die passende Hilfe zu finden:

DOWNLOAD´

„Parentifizierung im Erwachsenenalter“ von Kirsten von Sydow (Klett-Cotta)

Neues Sachbuch mit einem ausführlich-fundierten Überblick darüber, wie man Parentifizierung erkennen, verstehen und von ihr ehemals betroffene Erwachsene und ihr Umfeld erfolgreich therapieren kann. Mehrere Fallbeispiele machen deutlich, wie groß die Not Betroffener manchmal auch noch im Erwachsenenalter ist.

„WIR sind die Kinder!“ von Andrea Hendrich und Kati Rode (Mabuse-Verlag)

Buch für Kinder ab acht Jahren. Am Beispiel von zwei betroffenen Mädchen wird erklärt, warum das Übernehmen von Elternaufgaben zu viel Verantwortung bedeuten kann und wie Kinder mit professioneller Hilfe wieder zu sich finden und einfach Kinder sein können.

 

 

 

parentifizierung.de

Website des systemischen Therapeuten und Coachs Johannes Faupel über Ursachen, typische Merkmale, verschiedene Ausprägungen, langfristige Auswirkungen und Möglichkeiten, Parentifizierung auch wieder aufzulösen.

nacoa.de

Interessenvertretung für Kinder und Jugendliche mit alkohol-, drogen- oder glücksspielsüchtigen Eltern. Über die Beratung können sie per Mail, Telefon, Einzel- oder Gruppenchat, Video- und Sprachnachrichten anonym Kontakt aufnehmen.

wir-pflegen.net

2008 gegründete Interessenvertretung und Selbsthilfeorganisation pflegender Angehöriger. Sie organisiert unter anderem zweimonatliche Onlinetreffen für junge Erwachsene zwischen 18 und 35 Jahren mit Pflegeverantwortung.

nummergegenkummer.de

Kostenloses Angebot für Kinder und Jugendliche, die sich per Telefon, Mail oder Chat beraten lassen können. Samstags von 14 bis 20 Uhr haben junge Beraterinnen und Berater zwischen 16 und 27 Jahren unter der Nummer 116111 ein offenes Ohr für Probleme, damit das Reden noch leichter fällt.

nakos.de

Bundeszentrale, Fachinstanz und Kontaktstelle für gemeinschaftliche Selbsthilfe in Deutschland, die Betroffene vernetzt und sie mit Informationen versorgt. Dank Datenbanksuche kann man nach Themen und Postleitzahlen filtern.

 
 

Video: Parentifizierung

Warum die Rollenumkehr Kinder überfordert und langfristige Spuren hinterlässt. Dieses Video der Psycho- und Traumatherapeutin Dr. Julia Belke erklärt verständlich, warum Parentifizierung eine ungesunde Familienordnung bedeutet, die den Beteiligten meist nicht bewusst ist.

Zur Autorin: Die Eltern von Antoinette Schmelter-Kaiser waren beide in einem eigenen Betrieb tätig und viel beschäftigt. So lernte sie früh, sich selbst zu organisieren – egal ob Schule oder Freizeit. Überfordert fühlte sie sich nicht, aber öfter mal allein.

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