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Familie

Kontakt zu erwachsenen Kindern – so bleiben Eltern verbunden

Sind sie klein, weiß man alles über die eigenen Kinder. Werden sie flügge, nimmt der Informationsfluss ab. Nähe zueinander bleibt aber trotzdem möglich.

Warum Sie diesen Artikel lesen sollten:

Als Erwachsene gehen Kinder eigene Wege. Das muss nicht zu Entfremdung oder Funkstille führen. Austausch, Akzeptanz und Konsens helfen, Distanzierung zu vermeiden und den Kontakt zu erwachsenen Kindern zu halten. 

Inhaltsverzeichnis

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Alle ein bis zwei Wochen anrufen, ein paar Besuche pro Jahr: Das wäre Christine Limmers Idealvorstellung, entspricht aber nicht ihrer Realität. „Der Kontakt zu meinem Sohn, der 680 Kilometer entfernt wohnt, ist spärlich und mühsam“, so die 66-Jährige. „Ich telefoniere ihm hinterher, weil er sich wenig proaktiv meldet.“ Anders war das nach der Geburt des Enkels: „Da bekam ich öfter Nachrichten und Videos, konnte die junge Familie treffen.“ Mittlerweile sei die wohl vollauf mit ihrem Alltag beschäftigt und das Resultat ist Distanz statt „nettem, fluffigem Austausch über alles Mögliche“, um den Christine Limmer befreundete Familien, bei denen es anders läuft, beneidet. Ihr Fazit: „Ich kann es nicht ändern und habe meine Ansprüche total zurückgeschraubt. Aber ich würde mir mehr Kontakt wünschen.“ 

Warum sich der Kontakt zu erwachsenen Kindern verändert

Frequenz und Intensität des Kontakts zu erwachsenen Kindern variieren von Familie zu Familie. Eines gilt generell: „Dass sich etwas verändert, ist ein normaler Prozess“, betont Sascha Schmidt, Businesscoach, Paarberater und Buchautor. Erster Schritt in Richtung Autonomie ist für ihn das Trotzalter, in dem Kleinkinder ihren Willen lautstark äußern. Der „Beginn vom Ende der alten Familie“ und „Sollbruchstelle“ sei die Pubertät, „Schlussszenario“ der Auszug aus dem Elternhaus. Der steht laut Eurostat bei jungen Frauen in Deutschland durchschnittlich mit 23,3 und bei jungen Männern mit 24,1 Jahren an. Damit ist laut Sascha Schmidt spätestens das alte Abhängigkeitsverhältnis aufgehoben, sollten Eltern Kindern auf Augenhöhe begegnen.

Der Auszug aus dem Elternhaus bedeutet eine große Zäsur. Denn ab jetzt ergibt sich Kontakt zu Kindern nicht mehr automatisch.

Typische Herausforderungen für Eltern

„Natürlich dürfen Mütter und Väter trauern, wenn Kinder flügge werden. Das sollten sie aber nicht vor ihnen tun, sondern mit ihnen besprechen, wie der Kontakt fortan aussehen kann“, so Sascha Schmidt. Das kann sich phasenweise verändern: Mit der ersten Partnerschaft bekommt Zeit zu zweit Priorität. Werden die Kinder selbst Eltern, liegt der Fokus häufig auf der jungen Familie – Veränderungen, die Eltern respektieren sollten. Das gilt ebenfalls für Feste, besonders für Weihnachten: Viele Eltern möchten das weiter wie gewohnt feiern. „Daraus sollte aber keine Pflichtveranstaltung werden, die erwachsene Kinder wider Willen absolvieren“, warnt Sascha Schmidt. „Sie haben ein Recht, Grenzen zu ziehen und eigene Wege zu gehen.“

Was Eltern vermeiden sollten

Auf Traditionen zu pochen, ist daher genauso kontraproduktiv wie hohe Erwartungen an erwachsene Kinder zu haben, Druck auf sie auszuüben, an ihnen – und/oder ihren Partnerinnen und Partnern – herumzukritisieren, ihnen eigene Wertvorstellungen überzustülpen oder Schuldgefühle zu machen: All das kann in Eltern-Kind-Beziehungen zu einer Entfremdung bis hin zu Funkstille führen. Außerdem rät Sascha Schmidt dazu, den Fokus weg vom Kind „hin zum eigenen Partner und auf Hobbys“ zu richten – und ansonsten gelassen an der Seitenlinie des Lebens zu stehen und Kindern Hilfe anzubieten, wenn diese benötigt wird. 

Melden sich Kinder nicht, sind viele Eltern traurig und ratlos. Doch es lohnt sich, weiter Kontaktbereitschaft zu signalisieren.

Wenn der Kontakt schwierig oder selten ist 

Je seltener sie sich melden, umso schwerer fällt das Warten. Besonders belastet ein Kontaktabbruch, der unterschiedlichste Gründe haben kann: Erwachsene Kinder gehen diesen schweren Schritt, weil sie sich massiv unverstanden, überfordert oder kontrolliert fühlen oder gravierende Konflikte mit Eltern haben. Damit reagieren sie laut Sascha Schmidt „auf Situationen im Hier und Jetzt, zeitgleich werden Erfahrungen und Erinnerungen aus der Vergangenheit getriggert“. Dann sollten sich Eltern auf Spurensuche begeben, Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen, nicht beleidigt sein und Kindern keine Schuld zuweisen, aber ihnen signalisieren: Meine Tür ist offen. Das kann eine Geburtstagskarte sein, ein Foto mit der Botschaft „Ich musste an unserem Lieblingsplatz an dich denken“. Kommt keine Antwort, rät Sascha Schmidt: „Trotzdem weitermachen!“

Wie ein guter Kontakt zu erwachsenen Kindern trotz Distanz gelingt 

Denn um in Verbindung zu bleiben, braucht es Austausch. „Eltern dürfen ihr Bedürfnis nach Kontakt äußern und sollten erfragen, wie oft, wann, wo und in welcher Form Kinder diesen pflegen möchten.“ Auf Basis dieses Konsenses lassen sich bei Wohnorten in der Nähe Besuche, Treffen oder gemeinsame Aktivitäten unkompliziert organisieren. Größere Entfernungen erfordern mehr Planung für Wiedersehen. Finden diese statt, kann das Miteinander eine andere Intensität und Qualität bekommen. Ansonsten bieten Social Media vielerlei Möglichkeiten, um in Kontakt zu erwachsenen Kindern zu bleiben – egal ob per (Sprach-)Nachricht, Foto, Video oder Call. Eines sollte jedoch auf diesen Kanälen tabu sein – streiten. „Da sind Missverständnisse vorprogrammiert, Eskalationen schnell passiert“, warnt Sascha Schmidt.

Beziehung zu erwachsenen Kindern als neue Chance sehen 

Das bedeutet nicht, Konflikte zu vermeiden. „Sie gehören in jeder Familie dazu“, weiß der Experte. „Es gibt jedoch viele, die Konflikte leugnen und verdrängen.“ Hilfreicher sei, sie offen zu handhaben – gleichwürdig und ohne sich gegenseitig überzeugen zu wollen. Damit begegnen Eltern flügge gewordenen Kindern als eigenständigem, erwachsenem Gegenüber, das in seiner Welt lebt. Sich auf dieses einzulassen, bedeutet einen spannenden Lernprozess und eine veränderte Elternrolle. Das gilt auch, wenn Enkel kommen. Oft entsteht durch sie mehr Verbundenheit und Innigkeit in der Familie – noch eine Chance für das nächste Level der Beziehung zu erwachsenen Kindern.

Video: Kein Kontakt mehr zu den Eltern 

Dieser Film aus der Sendereihe „37 Grad“ zeigt drei junge Frauen, die sich entschieden, den Kontakt zu den Eltern abzubrechen. Für sie war es ein notwendiger Befreiungsschlag.

Lektüretipps

Bücher, Podcasts und Internetadressen über die Problematik, erwachsene Kinder loszulassen und in Verbindung zu bleiben:

DOWNLOAD´

„Melde dich mal wieder!“ von Sascha Schmidt (Humboldt)
Ratgeber eines Paar- und Familienberaters über Eltern-Kind-Beziehungen, die sich mit zunehmender Autonomie verändern – manchmal bis hin zu Kontaktminderung oder -abbruch.

„Nicht ohne meine Eltern“ von Sandra Konrad (Piper)
Sachbuch über emotionale Abnabelung als lebenslanger Prozess, der laut der Autorin keinen Verlust bedeutet, sondern einen Gewinn – die Chance auf ein selbst bestimmtes Leben.

„Kontaktabbruch in Familien“ von Claudia Haarmann (Penguin)
Sachbuch über das, was Eltern und Kinder entzweit, aber auch wieder zusammenführen kann. Fallbeispiele aus der Praxis verdeutlichen Familienmuster, die Verwerfungen begünstigen.

„Stachlige Eltern und Schwiegereltern“ von Jörg Berger (Francke)
Fallgeschichten und Praxistipps über Möglichkeiten, wie erwachsene Kinder und (Schwieger-)Eltern auf einer neuen Grundlage Konflikte befrieden und versöhnt leben können.

 

 

 

Die Eltern im Kopf – Lebenslange Begleitung
Podcast der Reihe „Radiowissen“ über den Einfluss der Eltern, der durch erlernte Muster auch auf erwachsene Kinder weiterhin groß ist. Umso wichtiger ist eine bewusste Ablösung.

Verlassene Eltern
Es gibt keine zentrale Anlaufstelle für Eltern, deren Kinder den Kontakt abgebrochen haben. Aber mit den Suchbegriffen „Verlassene Eltern“ und „Selbsthilfegruppe“ finden sich im Internet Austauschmöglichkeiten mit anderen. 

 

Zur Autorin: Die Tochter von Antoinette Schmelter-Kaiser zog vor dem Abitur in München zu einer Freundin und dann zum Studieren nach Rotterdam, Berlin, Pasadena, New York und London. Mails, Social Media, Telefonate und gegenseitige Besuche sorgen dafür, trotz räumlicher Distanz in Kontakt zu bleiben.

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