Fibromyalgie erkennen: Symptome, Diagnose & Hilfe bei FMS
Warum tut alles weh? Dauermuskelkater oder Rheuma? Schmerzen können viele Ursachen haben. Vor der Diagnose Fibromyalgiesyndrom liegt deshalb oft eine Ärzte-Odyssee. Unser Hintergrundwissen für mehr Kraft und weniger Leid.
Warum Sie diesen Artikel lesen sollten:
Dauerhafte Schmerzen ohne klare Ursache? Erfahren Sie, wie sich Fibromyalgie erkennen lässt, wie die Diagnose gestellt wird und was Betroffenen wirklich hilft.
Inhaltsverzeichnis
Menschen mit Fibromyalgie sieht man meistens nichts an, doch sie haben ständig Schmerzen. Mit dem pechschwarzen Humor der Verzweiflung sprechen sie von „Grippe ohne Grippe“, „Morgen nach einer Party, nur ohne Party“ oder „heftigem Muskelkater mit Sonnenbrand“. Leonie S., 31, beschreibt ihren Zustand so: „Der ganze Körper ist bleiern, steif und schmerzt wie nach einem Triathlon. Bin ich erst in Bewegung, wird es besser, aber meine fehlende Energie lässt mir kaum Spielraum. Setze ich mich für eine kurze Pause hin, legt sich sofort ein Umhang aus Blei um mich und ich werde unglaublich müde. Es ist ein Teufelskreis, der jeden Tag neu beginnt.“ Erschwerend kommt hinzu, dass sie öfter für einen Hypochonder gehalten wird.
Was ist Fibromyalgie überhaupt?
„Das ist eine Erkrankung, die Leute bekommen, wenn sie keine Lust mehr haben zu arbeiten und in Rente gehen wollen.“, sagte sogar ein Arzt zu Elisabeth W., 76. Sie leidet seit ihrem 40. Lebensjahr an „Fibro“, wie sie das Fibromyalgiesyndrom fast liebevoll nennt, doch sie hat „jeden Tag und jede Nacht Schmerzen“.
„Fibromyalgie“ bedeutet „Faser-Muskel-Schmerz“ und ist nicht selten. Unter der chronischen Schmerzerkrankung leidet laut Schätzungen der Neurologischen Uniklinik Würzburg etwa jeder 25. Mensch in Deutschland, Frauen sind zwei- bis fünfmal häufiger betroffen als Männer.
Wissenschaftlerinnen haben herausgefunden, dass bei FMS die Schmerzverarbeitung im Gehirn gestört ist, womöglich reagiert auch das Immunsystem falsch (mehr siehe unten). Grundsätzlich, so Prof. Dr. Nurcan Üçeyler, leitende Oberärztin in der Neurologie des Universitätsklinikums Würzburg (UKW), lägen „die Ursachen des FMS noch im Unklaren, was die gesicherte Diagnose und effektive Behandlung erschwert. Es gibt nur wenige biologische, objektiv messbare Marker für FMS.“
Typische Symptome: So lässt sich Fibromyalgie erkennen
Vier Kernsymptome weisen entscheidend auf FMS hin:
- chronische Schmerzen (mindestens über drei Monate) in mehreren großflächigen Bereichen des Körpers, Armen und Beinen oder als Ganzkörperschmerzen
- Schlafstörungen, vor allem die Tiefschlafphasen sind gestört
- chronische Müdigkeit und Erschöpfung
- kognitive Störungen, die zum Beispiel Konzentration und Gedächtnis beeinträchtigen
Dazu können weitere Symptome kommen:
- Angstgefühle
- depressive Verstimmung
- Gefühlsstörungen an Händen und Füßen
- Magen-Darm-Beschwerden
- mangelnde Libido
- Reizempfindlichkeit gegenüber Berührung, Geräuschen, Gerüchen, Licht
- vegetative Störungen wie Herzrasen
- Wetterfühligkeit
Grundsätzlich variieren die Symptome von Fall zu Fall, weshalb sich Fibromyalgie schwer erkennen lässt.
Rheuma oder Fibromyalgie? Der schwierige Weg zur Diagnose
Bis Fibromyalgie diagnostiziert wird, vergeht oft viel Zeit, hauptsächlich, weil Patienten nicht ernst genommen werden, wenn sie von ihren Schmerzen und ihrer Erschöpfung berichten. Untersuchungen zeigen weder durch Laborwerte noch Bildgebung ein FMS an, Organe sind nicht betroffen. Auch deshalb geben viele die Suche nach der Ursache der Schmerzstörung irgendwann auf. Leider, denn eigentlich ist die Erkrankung seit dem 19. Jahrhundert bekannt und seit 1994 von der WHO anerkannt. Vor allem früher wurde FMS Weichteilrheuma genannt, aber anders als bei einer rheumatoiden Arthritis sind keine Entzündungen zu erkennen. Es sei denn, ein Patient mit Fibromyalgie leidet auch an rheumatoider Arthritis oder Polymayalgie rheumatica, was leider öfter vorkommt.
Auch das Chronische Erschöpfungs-Syndrom (CFS), Polymyositis/Dermatomyositis oder Eosinophilie-Myalgie-Syndrom (EMS) zeigen ähnliche Symptome, diese Erkrankungen gilt es auf dem Weg zur FMS-Diagnose auszuschließen.
Hilfreich ist auf jeden Fall eine Schmerzskizze, die Sie ausfüllen und zum Arztbesuch mitbringen sollten, etwa diese zum Herunterladen: www.fibromyalgie.behandeln.de
Leben mit Fibromyalgie: Umgang mit dem Schmerz
Manche Faktoren scheinen ein Fibromyalgiesyndrom zu begünstigen. Dazu gehören Stress, Vitamin-D-Mangel, Übergewicht oder depressive Störungen. Gegen Letztere gibt es psychologische und medikamentöse Therapiemöglichkeiten, Antidepressiva helfen. Mögliche Ursachen wie ein Missbrauch in der Kindheit, der manchmal FMS auslöst, sollten im Rahmen einer Psychotherapie betrachtet werden.
Gegen die Schmerzen helfen Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol nicht. Auch Kortison und Cannabis haben sich als ungeeignet erwiesen. Leider gibt es auch kein Medikament, das Fibromyalgie ursächlich behandelt.
Dagegen scheint sportliche Bewegung längerfristig gutzutun. Der Start schmerzt zwar, wie Aufstehen oft, aber letztlich helfen gymnastische Übungen. Auch Ausdauertraining wie Nordic Walking, Fahrradfahren oder Tanzen empfehlen sich, ebenso wie Muskeltraining. Und: Schwimmen im warmen Wasser! Und öfter ein warmes Vollbad.
Von FMS Betroffene sollten auch Entspannungstechniken ausprobieren, die das Gehirn vom Schmerz ablenken und so helfen, es zu entspannen, zum Beispiel mit Fantasiebildern beim Autogenen Training und bewusstem Atmen bei einer Meditation.
Macht der Schmerz auch mal Pause? Verlauf und Prognose
FMS führt nicht zu Schäden an Gelenken, Muskeln oder Organen, es gibt deshalb kein Endstadium und die Lebenserwartung ist normal. „Bislang können unsere Therapien symptomatisch und durch Austesten verschiedener multimodaler Ansätze eine Linderung, aber keine Heilung bewirken“, sagt Prof. Dr. Üçeyler.
Einmal ausgebrochen, bleibt das Fibromyalgiesyndrom bestehen. Aber die Erkrankung verläuft in Schüben, heißt: Der Schmerz macht zum Glück Pausen. Ein Schub kann Tage oder Monate anhalten, starke Schmerzen mit sich bringen oder mildere. Die Schmerzen können anhaltend, wandernd oder wiederkehrend sein, sich bei Wetterwechseln, Nässe, Stress, beim Sitzen oder Liegen verschlechtern, das ist individuell verschieden. Dementsprechend richten sich die Behandlungsmodule nach den Beschwerden der Patienten und deren Schwere.
Mehr Hoffnung macht die Forschung der Arbeitsgruppe von Prof. Claudia Sommer an der Würzburger Universitätsklinik für Neurologie. Das Team lieferte den Beweis, dass beim FMS kleine Nervenfasern in der Haut in ihrer Struktur und Funktion verändert sind. Neueste Studien zeigen bei einer Gruppe von Patientinnen und Patienten eine eindeutige Beteiligung des Immunsystems. Offenbar greifen bei 35 % der Betroffenen Autoantikörper Strukturen des peripheren Nervensystems an. „Diese und andere Befunde deuten darauf hin, dass die Autoantikörper nicht nur eine Reaktion des Körpers auf die Krankheit sind, sondern wahrscheinlich ursächlich mit den Symptomen zusammenhängen“, fasst Prof. Sommer die neuesten Forschungsergebnisse zusammen.
Unterstützung und Selbsthilfe für Betroffene
Die Rheuma-Liga bietet neben vielen nützlichen Informationen die kostenlose Broschüre „Fibromyalgie – mit der Krankheit leben lernen" und ein Poster mit Bewegungsübungen für zu Hause.
Bei der Deutschen Fibromyalgie Vereinigung e.V. finden Sie neben Infos, Entspannungsvideos und einem Achtsamkeitsblog eine interaktive Karte, mit der Sie eine Selbsthilfegruppe in Ihrer Nähe finden können: www.fibromyalgie.de.
Video: Fibromyalgie – wenn der ganze Körper schmerzt
Nancy Geiger bekam mit 27 Jahren Muskelschmerzen beim Aufstehen, dann Schmerzen überall, Verdauungsprobleme, völlige Erschöpfung – und keine Diagnose. In der Aufzeichnung des Hessischen Rundfunks berichtet die heute zweifache Mutter über Symptome und einen bei ihr erfolgreichen Therapieansatz. Zudem informieren Experten über Behandlungsmöglichkeiten:
Quiz: 6 Fragen und Antworten zu Fibromyalgie
Alles gelesen, alles klar? Machen Sie den Test. Was ist Fibromyalgie? Und was ist dagegen zu tun? Sechs Fragen und Antworten.
Zur Autorin: Karen Cop kennt Schmerzen verschiedenster Art, sie gingen zum Glück vorüber. Bei Attacken halfen ihr Atemtechniken aus Geburtshilfe, Yoga und „4-7-8“ nach Dr. Weil.
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