Midlife-Crisis: Symptome, Ursachen & Unterschiede bei Frauen und Männern
Junge Freundin, schnelles Motorrad und plötzliches Bodybuilding outeten klischeehaft den Mann in der Midlife-Crisis. Heute weiß man: Auch Frauen orientieren sich in der Lebensmitte neu. Und immer mehr erleben statt der Sinnkrise eine Midlife-Transition mit Freiheit für neue Lebensziele.
Warum Sie diesen Artikel lesen sollten:
Weil eine Midlife-Crisis zwischen dem 40. und 55. Lebensjahr als Chance verstanden werden kann für eine erfüllte neue Lebensphase.
Inhaltsverzeichnis
Baggy-Jeans im Destroyed Look, Cap verkehrt herum auf der Glatze und Insta-taugliche Freundin auf den Ledersitzen des Karmann Ghia – sah bei Brad Pitt in „Once Upon a Time in Hollywood“ richtig gut aus, Filmstar eben. In Wirklichkeit sorgt das Setting mit dem Normalmann in der Lebensmitte meist für Belustigung und das hinter vorgehaltener Hand gezischte Urteil: „Midlife-Crisis!“ Ein gemeines Vorurteil? Jedenfalls nicht nur Mythos.
Tatsächlich erleben laut Glücksforscher Andrew Oswald Männer wie Frauen die „Rushhour des Lebens“ weniger glücklich, während das die U-Kurve des Glücks mit Ende 40, Anfang 50 wieder ansteigt.
Eine Studie des britischen Wirtschaftswissenschaftlers David Blanchflower kam nach der Auswertung von 14 Millionen Fragebögen zum Schluss, dass das Wohlbefinden statistisch mit 49 Jahren am geringsten ist, bevor es wieder bergauf geht.
Rund um dieses Alter sind negative Gefühle oft besonders stark. Trotzdem muss diese Lebensphase nicht mit einer Sinnkrise einhergehen, die vor lauter Unzufriedenheit das vertraute Gefüge vom Beruf bis zur Beziehung in Flammen legt, sondern kann als wichtige Zeit der Neuorientierung verstanden werden.
Midlife-Crisis bei Männern
Männer sind in der Lebensmitte oft stark unter beruflichem Druck und vermissen Anerkennung. Sie fragen sich: Wie weit bin ich gekommen? Denken an verpasste Träume und hinterfragen ihren Weg. Sie spüren körperliche Veränderungen, fürchten den Verlust ihrer sportlichen Statur, vielleicht nachlassende Potenz. Zwar verändert sich der männliche Hormonhaushalt nicht so rasant wie bei Frauen, doch ab dem 40. Lebensjahr sinkt der Testosteronspiegel um 1 bis 2 % jährlich. Überhaupt … die Paarbeziehung: auch nicht wie früher, oder?
Zeit für einen Wendepunkt, bevor aus Selbstzweifeln, Frustration und Müdigkeit eine Sinnkrise wird, die manche Männer so lange negieren, bis der Leidensdruck zu hoch wird. Dann drohen ernsthafte Probleme wie Burn-out oder Herzinfarkt und leider begehen Männer in dieser Lebensphase auch statistisch häufiger Selbstmord.
Midlife-Crisis bei Frauen
Bei Müttern fällt die Midlife-Crisis in eine Lebensphase, in der die Care-Arbeit abnimmt, bis die Kinder schließlich ausziehen. Sie können sich daher leichter beruflich weiterentwickeln, nehmen ihre eigenen Bedürfnisse deutlicher wahr und reflektieren sie. Vielleicht leiden sie aber auch unter Sinnverlust, vielleicht innerer Leere und fehlender Aufmerksamkeit. Der Umbruch kann zum Gefühlschaos führen mit Unruhe, Unzufriedenheit und Selbstzweifeln.
Gleichzeitig fällt mit mehr Zeit der kritische Blick auf die Paarbeziehung. Manche entdecken, dass sie weniger Gefühle für ihren Partner haben.
Körperlich wird der psychische Tiefpunkt möglicherweise durch die Hormonumstellung in den Wechseljahren verstärkt, wenn Erschöpfung, Hitzewallungen und Schlafprobleme dazukommen. Eventuell leidet die Libido unter den hormonellen Veränderungen und die Anzeichen des fortschreitenden Alters frustrieren.
Video: Midlife-Crisis? So findest du dein Glück
Was geschieht in der Krise, was können wir verlieren, was gewinnen? Und was macht mich persönlich glücklich? Im folgenden Beitrag von ARTE sprechen starke, moderne Frauen von ihrer turbulenten ersten Lebenshälfte, dem Erreichen und Loslassen von Lebenszielen und allem, was ihnen Kraft für die zweite Lebenshälfte gegeben hat.
Warum die klassische Midlife-Crisis heute hinterfragt wird
Nur 10 bis 15 % aller Frauen und Männer erleben eine Sinnkrise, Tendenz abnehmend. Heute sprechen Forscherinnen und Forscher deshalb lieber von Midlife-Transition. Prof. Dr. Susanne Bücker vom Lehrstuhl Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie an der Universität Witten/Herdecke sieht es so: „Zur Lebensmitte sehen wir keine Abnahme der Lebenszufriedenheit, was gegen die Theorie einer Midlife-Crisis spricht.“
Nach dem Dauerlauf zwischen Karriere und Familiengründung vielleicht auch noch Hausbau, tun sich endlich wieder Zeitfenster auf, in denen wir innehalten können, um eine Art Bilanz zu ziehen, statt automatisch weiterzumachen wie bisher.
Es stellen sich Fragen wie: Entspricht die Gestaltung meines Alltags meinen Bedürfnissen? Habe ich ein wichtiges Lebensziel vergessen?
Gab es verpasste Chancen im Beruf? Will ich die nächsten Jahrzehnte so weitermachen?
Immerhin wäre noch Zeit, beruflich einen anderen Weg einzuschlagen, bewusst an Stellschrauben zu drehen, und auch Kraft, um Gas zu geben.
Auch dass die Partnerschaft auf den Prüfstand kommt, kann erfrischend wirken. Vor allem wenn Elternaufgaben langsam abnehmen und man Lust hat, sich als Paar wiederzuentdecken und gemeinsam neue Pläne zu schmieden: noch mal zusammen aufbrechen in die Welt, gemeinsam Sport machen, Kultur genießen, alte Hobbys beleben, neue Interessen entwickeln, erfahrenen Sex bewusst genießen, ohne an die Verhütung denken zu müssen, Freundschaften pflegen und vieles mehr.
Oder aber sich auf erwachsene Weise zu trennen, wenn man nicht mehr zueinander findet, um Platz zu machen für ein Liebesglück, das zu der kommenden Lebensphase besser passt – ist schmerzhaft, aber besser als ein krank machendes Unglück auf Lebenszeit!
Was hilft in der Lebensmitte?
„Die Lebensmitte ist für viele Menschen mit kreativen Tätigkeiten eine Zeit höchster Produktivität“, sagte die kanadische Psychologin Ann Douglas in „Psychologie heute“. Besonders in der Lebensmitte sei das Gehirn „gut darin, Verbindungen herzustellen, Muster zu erkennen und Probleme zu lösen“.
Gespräche mit Freundinnen und Freunden können dabei helfen, die Seele zu entlasten und die Dinge zu sortieren. Resilienz ist wichtig, um den Blick positiv zu wenden und diese Lebensphase als Midlife-Transition statt als Krise zu verstehen, um zum Beispiel Unzufriedenheit als Sehnsucht nach Neuem zu sehen, Wut in Kraft umzuwandeln, Leere als Freiraum zu begreifen und das Planen neuer Lebensziele als eine Herausforderung anzunehmen, die zufriedener macht als zuvor. Dann zeigt sich statt Stillstand in der Unzufriedenheit eine Chance für Reife und Wachstum.
Oder um es mit Eckart von Hirschhausen zu sagen: „Altern ist kein Schicksal. Es ist Leben für Fortgeschrittene.“
Zur Autorin: Karen Cop hat ihre Midlife-Crisis hinter sich: Damals weinte sie im Empty Nest und machte den überfälligen Paarcheck. Sie kürte Arbeit zur Nr. 1, traf öfter alte und neue Freunde und spürte schließlich sehr viel Kraft und Lust auf Neues. Heute ist sie glücklich und zum zweiten Mal verheiratet.
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